Symbolbild Würzburg
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Willy-Sachs-Stadion: Ein moralisch vertretbarer Name?

Unternehmer, Millionär und NS-Mitläufer

„Unserem großen und geliebten Führer Adolf Hitler ein dreifaches Sieg Heil!“ – mit diesem Ausruf eröffnete Willy Sachs am 23. Juni 1936 das von ihm der Stadt Schweinfurter gestiftete Stadion. Die Sachs-Familie als namhafte Industriellendynastie hat Schweinfurt zweifelsohne geprägt und der Stadt Wohlstand beschert. Von Ernst Sachs an über seinen Sohn Willy, den späteren Millionenerben und Wirtschaftswunderkapitän, bis hin zu den „Playboys“ Ernst Wilhelm und Gunter Sachs. Willy Sachs ist eine ambivalente Persönlichkeit: erfolgreicher millionenschwerer Unternehmer, der sich nicht nur mit NS-Bonzen einließ, sondern selbst den Rang eines SS-Obersturmbannführers bekleidete und Mitglied der NSDAP gewesen war. Ist es deshalb moralisch vertretbar, das städtische Stadion noch heute nach seinem Stifter zu benennen?

„Historische Tatsache“

„Die Frage nach einer Namensänderung wurde in der Vergangenheit zwar gelegentlich an Schweinfurt herangetragen. Das Stadion wurde aber der Stadt und ihren Bürgern von Willy Sachs zu dessen Lebzeiten unter dem noch heute bestehenden Namen gestiftet. Das ist eine historische Tatsache“, so ein Pressesprecher der Stadt Schweinfurt. Eine Änderung des Namens würde bedeuten, die Schenkung durch Willy Sachs zu negieren und letztlich die Geschichte umzuschreiben.

Umbenennung der Carl-Diem-Halle in Würzburg

Dass es anders geht, zeigt allerdings Würzburg. Dort wurde die ehemalige „Carl-Diem-Halle“, benannt nach dem gleichnamigen NS-Sportfunktionär Carl Diem, in „S.Oliver-Arena“ umbenannt. Diems Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus ist wie die von Willy Sachs bis heute umstritten. Diems damalige prominente und propagandistische Funktion in verschiedenen Ämtern während des Nationalsozialismus war allerdings ausschlaggebend für die Stadt Würzburg, die nach ihm benannte Mehrfunktionshalle umzubenennen. So wurde 2002 auch das Carl-Diem-Schild, das der Deutsche Leichtathletik Verband seit 1962 an verdiente Funktionäre vergibt, in „DLV-Ehrenschild“ umbenannt. Eine nach ihm benannte Medaille der Stadt Würzburg wird ebenfalls nicht mehr vergeben.

NSDAP-Mitglied und SS-Sturmführer

Am 1. Mai 1933 wurde Willy Sachs mit der Mitgliedsnummer 2 547 272 Mitglied der NSDAP. Als Wehrwirtschaftsführer und Mitglied im Persönlichen Stab des Reichsführer-SS stand er mit dem Kriegsende auf der amerikanischen Verhaftungsliste. (Vgl. Rott, Wilfried, 2007, S.111, 212) Die Ehrenbürgerschaft, die er 1936 von NS-Bürgermeister Ludwig Pösl zu seinem 40. Geburtstag erhielt, sprach ihm der Stadtrat 1945 trotz NS-Verstrickung nicht ab, weil sie ihm für seine finanzielle Großzügigkeit verliehen worden war, so Wilfried Rott in seinem Standardwerk zur Familie Sachs. Seine Ehrenbürgerschaft endete mit seinem Tod 1958.

„Wir gehen in Schweinfurt aber offen und sachlich mit Geschichte um. Nicht zuletzt wurde erst kürzlich die Vergangenheit und auch die Rolle von Willy Sachs während der Nazi-Zeit neu erforscht. Sie ist im Rahmen der ‚SACHS Ausstellung der ZF Friedrichshafen AG‘ seit diesem Jahr öffentlich in Schweinfurt zugänglich“, so ein Pressesprecher der Stadt.

Einweihung des Willy-Sachs-Stadions

Dem FC 05, der kurz vor der Fertigstellung des Willy-Sachs-Stadions in die Gauliga aufgestiegen war, wollte Sachs „eine seiner fußballerischen Qualität entsprechende Spielstätte verschaffen“ (Vgl. Rott, Wilfried, 2007, S.136.). Mit dem „Willy-Sachs-Stadion“ wurde dem „Ernst-Sachs-Bad“, einer Stiftung seines Vaters, nicht nur ein Pendant zur Seite gestellt, sondern auch ein bauliches Denkmal geschaffen, das das Werk seines Vaters übertrifft. Wie beim „Ernst-Sachs-Bad“ stellte die Stadt das Grundstück zur Verfügung. Mit diesem Bauwerk machte sich Sachs für die ganze Stadt sichtbar und wurde zum Dank wie sein Vater zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.

Persönliche Kontakte zu den Nazis

Zeitgleich mit der Machtergreifung der Nazis lässt sich Sachs intensiv mit einflussreichen Nazis seiner Zeit ein. Es war Heinrich Himmler persönlich, der in einem Brief um folgenden Übertritt zur SS bittet: „Reichsführer SS erbittet Genehmigung zum Übertritt des SA-Mannes Willy Sachs-Schweinfurt von der SA zur SS“ (Vgl. Rott, Wilfried, 2007, S.124). „Unabhängig von rationalen Überlegungen […] scheint Willy Sachs von der Nähe zu diesen Männern der neuen Macht fasziniert und hingerissen zu sein, was ihn später nicht daran hindert, diese Nähe sehr wohl für sich zu nutzen“, so Wilfried Rott über den Schweinfurter Unternehmer (Vgl. Rott, Wilfried, 2007, S.128).

Besuch der NS-Prominenz in Schweinfurt

„Das Besondere an Willy Sachs: Er kann mit allen, ist gleichermaßen vertraut mit Himmler, Göring, Heydrich, Wolff – die alle untereinander in höchst verzwickten Beziehungen stehen“ (Vgl. Rott, Wilfried, 2007, S.129), so Wilfried über die NS-Beziehungen von Sachs zu den führenden Nazis. Durch Sachs` Kontakte zur NS-Hierarchie war nicht nur das Familienunternehmen „Fichtel & Sachs“ gut positioniert. Sowohl Heinrich Himmler als auch Hermann Göring, Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, kamen als Gäste aus Berlin in die Provinz, um sich von Sachs persönlich das neue Stadion zeigen zu lassen.

Zum SS-Obersturmbannführer ernannt

Zur Eröffnung trug Sachs seine SS-Uniform – und das nicht zum letzten Mal. Denn an diesem Tag wurde er überraschenderweise von Himmler persönlich zum SS-Sturmbannführer ernannt. Mit Göring und Himmler verband Sachs die gemeinsame Jagd-Leidenschaft. Göring beschenkte er sogar mit einer eigenen Jagdhütte, nachdem ihn dieser auf seinem Anwesen, der Rechenau, besuchte. Versprach sich Sachs durch diese großzügige Gabe Vorteile? Immerhin entwickelte sich Göring zu dieser Zeit zum Wirtschaftskapitän des Dritten Reiches.

Anklage und Inhaftierung

„Ich habe mich von der allgemeinen Zustimmung, die diese Partei damals hatte, hinreißen lassen und bin beigetreten“ so stiehlt sich Sachs in seinem späteren Entnazifizierungsverfahren aus der Verantwortung. Willy Sachs: „Mein Beitritt erfolgte natürlich nur im Betriebsinteresse“ (Vgl. Rott, Wilfried, 2007, S.117). Mehrere heikle Punkte belasteten Sachs in seinem Verfahren: Mitgliedschaft in Partei und SS, Zahlungen für die Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft und wegen wirtschaftlicher Vorteile durch Nähe zum Regime. Die Spruchkammer Schweinfurt klassifizierte ihn nach einem jahrelangen Verfahren und einer dreijährigen Suspendierung von „Fichtel & Sachs“ letztendlich als NS-Mitläufer. Willy Sachs erwarteten keine weiteren Sühnemaßnahmen.

Zwei Schüsse durch den Mund

Willy Sachs, der nach seiner Anklage und kurzzeitigen Inhaftierung wieder Herr über sein Vermögen und Aufsichtsratsvorsitzender von Fichtel und Sachs wurde, starb einige Jahre später von eigener Hand. Mit zwei Schüssen durch den Mund hatte der erfahrene Jäger Selbstmord gegangen. Spekulationen über das „warum“ seines Suizids standen nun im Raum. Zum einen sei der Millionär zunehmend an einer Zuckerkrankheit erkrankt, zum anderen hätte er zuletzt immer stärker an Depressionen gelitten.

Das Willy-Sachs-Stadion heute

„Das Stadion ist mit seiner Vielfalt an Rasen- und Kunstrasenflächen ein hervorragender Austragungsort für Sportveranstaltungen, Konzerte und andere Großereignisse“, so ein Pressesprecher der Stadt über das Stadion. Es dient diversen Schweinfurter Vereinen und Schulen als Sportstätte, vor allem ist es die Heimat des 1. FC Schweinfurt 1905 e. V., dem bereits der Stifter Willy Sachs besonders verbunden war. In diesem Jahr gastieren dort nicht zuletzt große Künstler und Bands, wie Herbert Grönemeyer und Sunrise Avenue.

Quelle: Wilfried Rott: SACHS. Unternehmer, Playboys, Millionäre. Eine Geschichte von Vätern und Söhnen. München: Wilhelm Heyne Verlag.

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