Symbolbild Schweinfurt
Symbolbild Schweinfurt

Zeugnisvergabe: Sind Zensuren notwendig?

Keine Zensuren, kein Sitzen-Bleiben

In Bayern erhalten heute rund 1,5 Millionen Schüler ihre Zeugnisse. Was für die einen ein lang ersehnter Moment der Freude ist, birgt für die anderen vielleicht die eine oder andere Enttäuschung, wogegen einige Schüler der reformpädagogischen Montessori- und Waldorfschulen vollkommen entspannt in die Ferien starten können. Denn für sie gibt es weder Zensuren noch Sitzen-Bleiben, dafür aber Mappen mit gesammelten Informationen zum individuellen Entwicklungs- und Lernprozess durch Selbst- und Fremdbeobachtungen der Schüler, Lehrer und Eltern.

Für Rektor Friedrich Kühhorn von der Schweinfurter Montessori-Grundschule ist der erfolgreiche Übertritt von jährlich 60 bis 70 Prozent der Kinder auf Realschulen und Gymnasien ein eindeutiger Beweis, dass sich die Schüler auch ohne Zensuren in Testsituationen bewähren können. „Und dieses Jahr bestanden unsere Schüler den externen Mittleren Abschluss mit Noten zwischen 1,6 und 2,6“, sagt er gegenüber der Main-Post.

Übertritt auf weiterführende Schulen

Auch die Erfahrung von Uwe Dillenz, Leiter der Würzburger Montessori-Grund- und Hauptschule ist, dass sich Schüler auch ohne Zensuren gut selbst einschätzen könnten.  In Testsituationen, wie bei Prüfungen von Quali bis Fachabitur, die sie an öffentlichen Kooperationsschulen ablegen, würden sich die Jugendlichen erfolgreich bewähren.

Darüber, ob Zensuren optimale Beurteilungen der Leistungen von Kindern darstellen, scheiden sich die Geister. Der Würzburger Bildungsforscher Johannes Jungen sieht laut Angaben der Main-Post in der Vergabe von Noten eine eindeutige Ungerechtigkeit. Sie seien von vielen Faktoren beeinflusst, die mit der eigentlichen Leistung nichts zu tun hätten. Ein Wortgutachten sei allerdings auch nicht automatisch gerechter. Das sei auch den Lehrerinnen und Lehrer etwa der Montessori-Schulen in Schweinfurt und Würzburg und der Waldorfschulen in Würzburg und Haßfurt bewusst. Elterngespräche und wertschätzender Klartext sollen da helfen, sagt der Würzburger Waldorfschulvorstand Michael Seeberger.

„Kinder sind kein Buchungssatz“

Zensuren seien dagegen für Gerhard Bleß, Bezirkschef des Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) dagegen „ein im 19. Jahrhundert eingeführtes einfaches Verfahren, das für objektiv gehalten werde, Schüler scheinbar vergleichbar mache, aber den einzelnen nichts bringe“, so schreibt die Main-Post. Jörg Nellen vom Bezirksverband der Bildungsgewerkschaft GEW schließt sich dem an. Nellen: „Kinder sind kein Buchungssatz aus der Bilanzbuchhaltung.“ Zwar bräuchten Jugendliche seiner Meinung nach Hinweise zur Entwicklung, „Ziffernnoten auf zwei Stellen nach dem Komma“ seien dafür allerdings ungeeignet.

„Ohne Sitzen-Bleiben ist der Druck weg“

Mithilfe von Ankreuzbögen wird in der Würzburger Montessorischule die Entwicklung in den einzelnen Fächern beurteilt, was die Schüler allerdings für sich in Noten übersetzen. Denn auch bei Wortgutachten könnte es lange Gesichter geben, wenn schwarz auf weiß zu lesen sei, wo es noch fehlt, sagt Seeberger. „Aber ohne Sitzen-Bleiben ist der Druck weg.“

- ANZEIGE -

Kommentare zum Artikel

Kommentare zum Artikel

AUCH INTERESSANT