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Symbolbild Schweinfurt
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Was ein Würzburger 1943 im KZ erlebte

Tagebuch des Ernst Ruschkewitz

Der Satz, den der 39-jährige Würzburger Ernst Ruschkewitz am 24. Oktober 1943 niederschrieb, besteht nur aus vier Worten und zwei Zahlen, aber er erzählt eine schreckliche Geschichte. Ernst Ruschkewitz war seit einem halben Jahr Zwangsarbeiter im oberschlesischen KZ Blechhammer, einem Außenlager von Auschwitz, wo er mit Tausenden anderen Gefangenen unter anderem eine gigantische Hydrieranlage zur Herstellung von synthetischem Benzin errichten sollte.

„Krankentransport 95 Personen, darunter 15 Mädels“ lautet der Satz, den Ruschkewitz an jenem Tag in seinem Tagebuch, einem kleinen Adressbuch, notierte, zusammen mit anderen Sätzen, in denen er von einer Explosion mit zehn Toten und einer Typhusepidemie in einem nahegelegenen Lager berichtete. „Krankentransport“ bedeutete den sicheren Tod, denn jeder in Blechhammer wusste, dass Häftlinge, die nicht mehr als Zwangsarbeiter zu gebrauchen waren, nach Auschwitz geschickt und dort ermordet wurden.

Würzburger Historiker Roland Flade

Das Tagebuch des Ernst Ruschkewitz ist ein bedeutsames historisches Dokument und es wurde im Internet erstmals in großen Auszügen veröffentlicht. Der Historiker Roland Flade, Main-Post-Redakteur und Mitarbeiter von „Würzburg erleben“, hat dafür die Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ geschaffen, auf der er, immer genau 70 Jahre nach der Niederschrift, das Tagebuch zugänglich machte, ergänzt durch Augenzeugenberichte von Würzburgern, die in der Domstadt lebten oder an der Ostfront kämpfen mussten, sowie zeitgenössische Zeitungsartikel.

Das Tagebuch endet im März 1944. Ernst Ruschkewitz übergab es einem nichtjüdischen Ingenieur, der auf der großen Kohleverflüssigungsanlage von Blechhammer im Auftrag einer deutschen Firma eine Montage durchführte und es aus dem Lager herausschmuggelte. Flade erhielt das Tagebuch bereits in den achtziger Jahren, als er Recherchen für ein Buch über die jüdische Gemeinde Würzburg anstellte.

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Bekannteste jüdische Familie in Würzburg

Besonders aufgewühlt hat ihn schon damals die Tatsache, dass sich der im März 1945 im KZ Buchenwald ermordete Ernst Ruschkewitz in seinem Tagebuch immer wieder direkt an seine Frau Ruth und den kleinen Sohn Jan wandte, nicht wissend, dass beide längst dem Holocaust zum Opfer gefallen waren. Zuvor hatte Flade nur kleine Teile des Tagebuchs in verschiedenen Büchern veröffentlicht.

Das Internet bot nun die Möglichkeit zu einer umfangreicheren Publikation, da kein Verleger Einspruch gegen einen zu großen Umfang erheben konnte. Die Familie Ruschkewitz war die bekannteste jüdische Familie in Würzburg. Ihr gehörte das äußerst populäre Warenhaus in der Schönbornstraße. Der älteste Sohn Max starb 1930 an den Spätfolgen einer im Ersten Weltkrieg erlittenen schweren Verwundung. Die Eltern Siegmund und Mina Ruschkewitz kamen 1940 bei einem Auswanderungsversuch um.

Ruschkewitz-Enkelin in Würzburg

Hans Ruschkewitz, der Bruder von Ernst und Max, emigrierte 1936 nach Südafrika. Aus seinem Besitz und dem von Bekannten der Familie stammen Dokumente und Fotos, die Flade dem Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken (Valentin-Becker-Straße 11) zur dauernden Aufbewahrung übergeben hat. Auch das Tagebuch kann dort eingesehen werden. Im Sommer 2012 kam die Enkelin von Ernsts Bruder Fritz, der nach Palästina ausgewandert war, nach Würzburg.

Mit Yael Ruschkewitz besuchte Roland Flade jene Orte, die noch heute an die Familie erinnern: die Stolpersteine vor dem Kaufhof, wo sich bis zur Übernahme durch Josef Neckermann 1935 das Warenhaus Ruschkewitz befand, und das „Ruschkewitz-Brünnle“ im Ringpark, das Ernsts Vater Siegmund der Stadt 1913 zum Geschenk gemacht hatte. Yael Ruschkewitz brachte die Neuauflage eines Kalenders mit nach Würzburg, der Bilder ihres Großvaters aus der unmittelbaren Nachkriegszeit enthält.

Augenzeugen: „Lebensbilder unterfränkischer Juden“

Der Grafiker Fritz Ruschkewitz hatte in Palästina und im wenig später gegründeten Staat Israel Kinderbücher illustriert. Seine Bilder sind farbenfroh und lebensbejahend; nichts lässt erkennen, dass ihr Schöpfer im Krieg seine Eltern und seinen Bruder verloren hatte. Roland Flade forscht weiter über jüdische Geschichte. Demnächst erscheint der Unterfranken gewidmete Band III des „Synagogen-Gedenkbands Bayern“, zu dem er die Einleitung beigesteuert hat.

Im Herbst bringt die Main-Post sein Buch „Lebensbilder unterfränkischer Juden“ heraus. Die Facebookseite hat er inzwischen umbenannt. Auf „Würzburg vor 70 und 100 Jahren“ sind nicht nur Augenzeugenberichte aus dem Jahr 1945 zu finden, sondern ebenso solche aus dem Jahr 1915. Damals kämpften Würzburger Soldaten im Ersten Weltkrieg an verschiedenen Fronten. Im Gefangenenlager am Hubland war der französische Soldat Septime Gorceix inhaftiert, der über seine Würzburger Erlebnisse und seine drei Fluchtversuche (erst der dritte war erfolgreich) später in einem Buch berichtete.

Auszug aus dem Tagebuch

Auszüge aus diesem Buch finden sich ebenfalls auf der Seite. Anhang: Der Eintrag vom 24. Oktober 1943 in Ernst Ruschkewitz’ Tagebuch (leicht gekürzt):

„Gestern Explosion in der Hauptwerkstätte, zehn Tote, darunter vier Engländer und Overste (Amsterdam), der in meiner Kolonne Gleiwitz war. Overste zur Unkenntlichkeit zerrissen, drei Juden verletzt. Sperre in Gleiwitz, Typhus. Holzschuhe neu gemacht, aber zu klein, großer Reinfall. Durch den Abenddienst am Tor komme ich erst um 21 Uhr ins Bett und kann nicht schlafen. Schießbefehl beim Kartoffelstehlen, je vier Schieber haben Nachtwache an den Mieten. – Krankentransport 95 Personen, darunter 15 Mädels!“

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Roland Flades Video über die Familie Ruschkewitz auf YouTube

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