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Symbolbild Schweinfurt
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Gastbeitrag: Tierhaltung in der Pelz-, Eier- und Fleischproduktion

Ein Gastbeitrag von Gianna Nozic

Dem Wohl der Tiere zu Liebe

Immer wieder schaue ich in Kühlschränke von Freunden und Verwandten und stelle fest, dass tierische Lebensmittel aus „schlechterer Haltung“ mehr aus Unwissenheit als aus böser Absicht heraus gekauft werden. Dieser Artikel soll aufklären und besonders die Leute ansprechen, denen das Wohl der Tiere am Herzen liegt und die wissen wollen, wie ihre Frühstückseier, das Fleisch zum Mittagessen und der Pelzkragen an der Winterjacke produziert werden.

Als Vegetarierin nicht unfehlbar

Ich selbst bin Vegetarierin, aber definitiv nicht unfehlbar. In ermüdenden Diskussionen mit Freunden habe ich immer wieder die gleichen Aussagen gehört. „Und was ist mit Kinderarbeit?“, „Autofahren ist auch schädlich für die Umwelt!“ oder „Du besitzt aber auch eine Ledertasche“. Das alles stimmt natürlich, aber einzelne Fehler meinerseits rechtfertigen es nicht, der Massentierhaltung und Pelzindustrie tagtäglich mit Gleichgültigkeit gegenüberzutreten. Jeder sollte für sich entscheiden, welchen Beitrag er leisten möchte, die Welt ein kleines bisschen zu verbessern, sei es Tierschutz, Umweltschutz oder humanitäre Hilfen. Die Erfahrungen aus meinem Studium haben besonders die Themen Pelztiere und Eierkonsum zu einer Herzensangelegenheit gemacht.

Pelz

Bommel an Mützen oder Krägen an Jacken aus Pelz werden nicht nur auf den Straßen und in den Schaufenstern, sondern auch in den sozialen Medien, immer häufiger gesehen. Laut dem deutschen Tierschutzgesetz dürfen Tiere nur aus „vernünftigem Grund“ getötet werden. Für mich ist die Frage, ob das Töten von Tieren zur Gewinnung von Textilwaren einen vernünftiger Grund darstellt, eindeutig mit ‘Nein‘ zu beantworten. Außerdem vernachlässigen die Haltungsformen für Pelztiere deren natürliche Bedürfnisse, wie zum Beispiel Bewegung, Schwimmen oder Graben. Die Tiere entwickeln Verhaltensanomalien, so genannte Stereotypien, wie das Nagen an Gittern oder im Kreisdrehen.

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Die Tierschutznutztierhaltungsverordnung

2006 wurden Pelztiere in Deutschland in die Tierschutznutztierhaltungsverordnung aufgenommen, welche Mindestanforderungen an die Haltung festlegt. Nach dieser Verordnung gelten als Pelztiere Nerz, Iltis, Rotfuchs, Polarfuchs, Sumpfbiber, Chinchilla und der Maderhund (eine Wildhundeart!). 2016 treten die letzten Änderungen in Kraft, die die meisten deutschen Pelztierfarmen überfordern. Viele gaben ihren Betrieb auf, einige klagen derzeit gegen die Verordnung, weil sie nicht in der Lage sind, die Mindestanforderungen (zB. ein Quadratmeter Fläche pro Nerz) zu erfüllen.

Pelzwaren-Import

Auch wenn die gesetzlichen Grundlagen in Deutschland den Anschein einer Verbesserung an die Haltung von Pelztieren machen, führen diese in der Konsequenz dazu, dass die meisten Pelzwaren aus Ländern importiert werden, in denen es keine bzw. im Vergleich zu Deutschland lächerliche Vorschriften zur Haltung von Pelztieren gibt. Die kostengünstige Produktion im Ausland führt außerdem dazu, dass Pelzprodukte in Deutschland zu relativ niedrigen Preisen angeboten werden. Von Pelz als Luxusprodukt also keine Spur mehr.

Der Großteil der Pelze wird aus China importiert, wo es keine gesetzlichen Regelungen zum Tierschutz gibt. Wie die Tiere dort behandelt, getötet und gehäutet werden ist nur schwer zu ertragen.

Die Fakten:

  • Derzeit in Deutschland 5-7 Pelzfarmen (v.a. Nerze)
  • Um die Qualität des Pelzes nicht zu beeinträchtigen, werden die Tiere mittels Gas, Elektroschock oder Genickbruch getötet
  • Weltweit ist China einer der größten Pelz-Produzenten, hier gibt es keine Tierschutzgesetze!
  • Größter europäischer Produzent von Nerzfellen : Dänemark
  • Größter europäischer Produzent von Fuchsfellen : Finnland
  • Trotz des Importverbots von Hunde- und Katzenfellen, gelangen diese falsch deklariert auf dem europäischen Markt
  • Verbot der Pelztierhaltung in Großbritannien, Österreich und der Schweiz
  • Für einen Pelzmantel werden 200 Chinchilla oder 60 Nerze benötigt

Was kann ich tun?

Pelz boykottieren! Es gibt zahlreiche Modelabel, die sich gegen die Verwendung von Pelz in ihren Waren ausgesprochen haben. Außerdem niemals bei günstigen Preisen auf das Vorliegen von Kunstfell schließen. Bei Unsicherheit und unklarer Deklaration empfiehlt es sich, im Internet Videos anzuschauen, die dem Käufer erklären, woran er erkennt, ob es sich um echtes Fell oder um Kunstfell handelt. Wer auf seinen Pelzkragen nicht verzichten will, sollte „Fake Fur“-Produkte kaufen. Unbedingt die „Es hängt doch eh schon im Laden“-Mentalität ablegen, denn für jede Lücke auf dem Markt wird neuer Pelz nachproduziert.

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Eierproduktion

Beim Kauf von Eiern ist auf die erste Ziffer des Erzeugercodes auf dem Ei zu achten.

  • 0 = Bio-Haltung: Sechs Hennen pro Quadratmeter, insgesamt nicht mehr als 3000 Hennen pro Stall, zusätzlich Auslauf, biologische Fütterung, Maßnahmen wie „Schnäbel stutzen“ verboten, in den übrigen Haltungsformen gängige Praxis
  • 1 = Freilandhaltung: Neun Quadratmeter pro Henne, zusätzlich vier Quadratmeter freier Auslauf/Henne, allerdings zeitlich begrenzt
  • 2 = Bodenhaltung: Haltung im geschlossenen Stall ohne Auslauf (neun Hennen pro Quadratmeter), insgesamt 6000 Tiere pro Stall erlaubt
  • 3 = ausgestalteter Käfig: 750 Quadratzentimeter Käfig, Nachfolger der 2010 verbotenen Käfighaltung (Wurde nach Einführung als verfassungswidrig erklärt, daher läuft diese Haltungsform in den nächsten Jahren aus)

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45 Millionen Küken werden getötet

Was viele nicht wissen: Da die männlichen Küken der Legehennen nicht für die Eierproduktion genutzt werden können und sie aus genetischen und züchterischen Gründen nicht rentabel für die Mast sind, werden jährlich 45 Millionen Küken getötet, in dem sie vergast oder zerschreddert werden. Diese massenhafte Tötung aus wirtschaftlichen Gründen, die leider auch ein Problem der Biohaltung ist, ist nur schwierig mit dem Tierschutzgesetz vereinbar, das wie bereits erwähnt nur das „Töten aus vernünftigem Grund“ erlaubt.

80 Prozent Legeperiode zu unwirtschaftlich

Auch Legehennen werden nach einer Legeperiode von circa einem Jahr geschlachtet und landen als „Suppenhühner“ im Tiefkühlregal. Ihre Legeleistung würde in der kommenden Legeperiode „nur“ noch 80 Prozent betragen, zu unwirtschaftlich in den Augen der Industrie.

75 Prozent der Eier in Bodenhaltung produziert

Fast 75 Prozent der Eier werden in „Bodenhaltung“ produziert. Die Tiere sind zwar nicht eingesperrt, die Realität ist jedoch eine riesige Halle mit 6000 Hühnern pro Stalleinheit. Hühner haben ein komplexes Sozialempfinden: Sie können nur 60 Artgenossen individuell unterscheiden. Wie sich eine Henne demnach unter 5999 Artgenossen fühlen muss, lässt sich nur erahnen.

Was kann ich tun?

Auf den Erzeugercode auf dem Ei achten, sich nicht von idyllisch aussehenden Bildern auf den Eierpackungen täuschen lassen. Außerdem beachten, dass in vielen Fertigprodukten Eier enthalten sind. Oft steht auf der Rückseite aus welcher Haltungsform diese stammen (i.d.R. Käfig- oder Bodenhaltung).

Fleischproduktion

Da genaue Zahlen und Fakten zur Haltung und Tötung der verschiedenen Nutztiere zu umfassend wären, möchte ich hier nur auf einzelne Probleme der Massentierhaltung eingehen, über die nicht ausreichend informiert wird. Um möglichst wirtschaftlich Fleisch zu produzieren, werden viele Tiere auf engstem Raum gehalten. Bei der Hähnchenmast werden beispielsweise bis zu 24(!) Tiere auf einem Quadratmeter gehalten. Die Bewegung der Tiere wird massiv eingeschränkt, ihre Grundbedürfnisse werden ignoriert.

„Tiere werden der Haltungsform angepasst, nicht umgekehrt“

Sie entwickeln Verhaltensstörungen, die von gegenseitigem Beknabbern von Ohren und Schwänzen bis hin zu Kannibalismus reichen. Als Gegenmaßnahmen werden unter anderem Schwänze und Schnäbel unter Schmerzen und ohne Narkose gekürzt. Die Tiere werden der Haltungsform angepasst, nicht umgekehrt.

Kastration von Ferkeln ohne Betäubung

Weitere Punkte, auf die ich aufmerksam machen möchte, ist die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung (Grund: Das Fleisch unkastrierter Schweine gilt wegen des sogenannten „Ebergeruchs“ in Deutschland als ungenießbar) und die Haltung von Muttersauen im Kastenstand. Hierbei kommen die Sauen fünf Tage vor der Geburt ihrer Ferkel in einen von Gitter umgegeben Kasten (200cm x 70cm), in dem sie gerade so liegen und stehen, sich aber nicht umdrehen können. Die Tiere verbleiben fast fünf Wochen in diesem Kasten, der die Ferkel vor dem Erdrücken durch die Sau schützen soll. In Österreich, Schweden und der Schweiz ist diese Kastenhaltung bereits verboten, hier zeigen alternative Haltungssysteme, dass Ferkelverluste auch mit tierschutzgerechten Maßnahmen verhindert werden können.

Was kann ich tun?

Aus artgerechter Tierhaltung stammendes Fleisch zu beziehen, ist vermutlich die größte Schwierigkeit im undurchsichtigen Dschungel der Lebensmittelproduktion. Ein wenig Orientierung bietet dabei der Preis. Jedem muss bewusst sein, dass ein günstiger Preis für Fleisch- und Wurstwaren in erster Linie den Tieren schadet. Wer nicht auf Fleisch verzichten möchte, soll lieber seltener, und dafür hochwertigeres Fleisch kaufen, z.B. Fleisch mit Biosiegel, oder noch besser: Fleisch aus Verbänden wie Demeter, Bioland, Naturland etc., die noch höhere Haltungsanforderungen erfüllen.

Fazit

Der Kauf von Produkten aus Biohaltung und der Verzicht auf Pelz sind Maßnahmen, die für jeden leicht im Alltag umsetzbar sind und mit denen man einen kleinen Beitrag zum Tierschutz leisten kann. Bitte informiert Euch, esst bewusster und seid bereit, ein bisschen mehr Geld für Produkte aus tierschutzgerechter Haltung auszugeben.

Über die Autorin

Gianna Nozic ist 24 Jahre alt und schließt im März ihr Tiermedizinstudium ab. Danach geht’s nach München, wo sie an der Medizinischen Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität promovieren wird.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@swity.de.

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