Banner
Elektriker_Handwerker_01

Will denn keiner mehr ein Handwerk lernen?

Ist das Handwerk so unbeliebt? Der Wasserhahn tropft, die Toilette ist verstopft und der Flur müsste auch neu gefliest werden. Wer heute einen Handwerker persönlich kennt, hat großes Glück und erspart sich lange Wartezeiten. Handwerker sind goldwert, werden jedoch immer mehr zu einer Rarität. Aber warum wollen immer weniger einen Handwerksberuf lernen?

Lehrstellen bleiben leer

Laut des Zentralverbandes des Handwerkes (ZDH) hat sich die Zahl der Lehrlinge im bauenden und ausbauenden Gewerbe von 1999 bis heute halbiert. 1999 haben noch 123.000 Menschen ein Handwerksberuf erlernt und 2016 nur noch 54.000. Im vergangen Ausbildungsjahr blieben sogar 14.000 Lehrstellen unbesetzt. Viele Handwerker haben es nicht nur schwer Lehrlinge zu finden, auch fertig ausgebildete Handwerker gibt es kaum noch. Viele würden gern ihre Betriebe weitergeben, doch die wenigsten finden jemanden. Wie es dann mit dem Betrieb weitergehen soll wenn sie einmal in Rente gehen wollen, wissen die wenigsten. Wir haben die Handwerkskammer für Unterfranken (HWK) zu dieser der Problematik befragt und wollten wissen, welchen Eindruck sie haben.

Schweinfurt City (SwC): Was genau macht die Handwerkskammer für Unterfranken?

HWK: Die Handwerkskammer für Unterfranken hat rund 18.500 Mitgliedsbetriebe mit rund 95.000 Beschäftigten. Sitz der Hauptverwaltung ist Würzburg. Die Handwerkskammer sorgt für eine gemeinsame und solidarische Vertretung der Anliegen aller Handwerker in Politik und Öffentlichkeit. Auf regionaler, bayerischer und Bundesebene vertritt sie die Interessen der Mitgliedsbetriebe, arbeitet aktiv in Gremien mit und stellt zentrale Forderungen an die Politik. Vor Ort bietet die Kammer zudem ein breites Dienstleistungsspektrum und Beratungsleistungen für die Mitgliedsbetriebe an.

Rectangle
topmobile2

SwC: Kann jeder einen Handwerksberuf erlernen oder gibt es auch Jugendliche, denen nur das Theoretische liegt?

HWK: Ob mobil, genussvoll, erbaulich, kreativ, energievoll oder umweltbewusst – die rund 130 Ausbildungsberufe des Handwerks sind für junge Menschen mit unterschiedlichsten Talenten interessant. Sie alle haben eines gemeinsam: Am Ende des Tages sieht man sein „Tagwerk“. Das ist etwas, dass sehr erfüllend sein kann, egal ob man nun Menschen mit einem neuen Haarschnitt glücklich macht, Möbel oder Häuser baut, ein ganzes Gebäude vernetzt oder in der Backstube die leckersten Sachen entstehen lässt. Um einen Handwerksberuf ausüben zu können, sollte man, wie in jedem Beruf, natürlich Talent mitbringen. Denn nur wer seine Stärken ausspielen kann, wird in seinem Beruf gut sein, sich weiterentwickeln und erfolgreich sein.

Gewerbliche Ausbildung bei der Stadt Würzburg - Foto: Pascal Höfig

Symbolbild Koch. Foto: Pascal Höfig

SwC: Wie schätzen Sie die Bewerberzahl in den letzten 5 Jahren ein und wie wird sich diese in der Zukunft entwickeln?

HWK: Seit 2015 verzeichnet die Handwerkskammer für Unterfranken bei den neuen Lehrverträgen wieder leicht steigende Zahlen. 2017 begannen insgesamt 2.845 junge Menschen eine Ausbildung im unterfränkischen Handwerk. Die Handwerkskammer ist sehr aktiv, um bei verschiedensten Zielgruppen für Ausbildungsberufe und Karrierechancen im Handwerk zu werben. Zu den Nachwuchswerbemaßnahmen gehören u. a. Berufsorientierungsangebote für Schüler verschiedener Schularten, Informationsangebote für Eltern, Lehrerfortbildungen, Kampagnen und vieles mehr. Ziel dieser vielfältigen Aktivitäten ist es, auch weiterhin viele junge Menschen für Ausbildungsberufe im Handwerk zu begeistern und auf diese Weise Fachkräfte zu gewinnen.

SwC: Bewerben sich weniger für einen Handwerksberuf und falls ja warum?

HWK: Die Entwicklung der Ausbildungszahlen muss vor dem Hintergrund zweier Einflussfaktoren betrachtet werden: Durch den demografischen Wandel gibt es aktuell weniger Schulabgänger. Die Mehrzahl dieser Schulabgänger entscheidet sich zudem für ein Studium und gegen eine Ausbildung. Aus Sicht der Handwerkskammer ist es deshalb wichtig, weiterhin intensiv für Aus- und Weiterbildung im Handwerk zu werben, auch bei Abiturienten oder Studienabbrechern. Eine zentrale Botschaft dabei lautet: Berufliche und akademische Bildung sind absolut gleichwertig. Das heißt, wer eine Ausbildung erfolgreich abschließt und sich weiterbildet geht einen genauso guten Weg, wie jemand, der sich für die Hochschule entscheidet.

Kellnern ist einer der beliebtesten Nebenjobs unter Studenten und Schülern. Foto: Pascal Höfig

Symbolbild Servicekraft. Foto: Pascal Höfig

Rectangle2
topmobile3

Im Handwerk beispielsweise kann der Weg nach der Ausbildung mit der Weiterbildung zum Meister weitergehen. Nach dem Deutschen Qualifikationsrahmen, der Bildungsabschlüsse miteinander vergleicht und einordnet, ist der Meister dem Bachelor-Abschluss an der Hochschule gleichgesetzt. Was das Ansehen und die Bedeutung der Qualifikation betrifft, befinden sich Meister und Bachelor also auf gleicher Stufe, nur die Wege die dort hinführen unterscheiden sich.

SwC: Wie sieht die Geschlechterverteilung in den Handwerksberufen aus?

HWK: Generell machen mehr junge Männer als junge Frauen eine Ausbildung im unterfränkischen Handwerk. Es gibt jedoch Berufe, in denen der Frauenanteil besonders hoch ist, etwa  Friseurin oder Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk. Aber auch in eher klassischen Männerberufen starten junge Frauen eine Ausbildung, so gab es 2017 z. B. insgesamt 59 Auszubildende zur Kfz-Mechatronikerin und 43 Auszubildende zur  Maler- und Lackiererin.

Top 5 Ausbildungsberufe

Die Top 5 der beliebtesten Ausbildungsberufe im unterfränkischen Handwerk 2017 waren folgende:

Junge Männer

  1. Kraftfahrzeugmechatroniker (1.282)
  2. Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik (636)
  3. Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (572)
  4. Metallbauer (429)
  5. Maler und Lackierer (298)

Junge Frauen

  1. Friseurin (339)
  2. Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk (325)
  3. Kauffrau für Büromanagement (201)
  4. Augenoptikerin (109)
  5. Konditorin (92)

Was kann man tun?

SwC: Was muss getan werden, damit sich noch mehr für einen Handwerksberuf begeistern können?

HWK: Die Vielfalt der Berufe ist ein Ziel der Nachwuchswerbemaßnahmen und verschiedener Kampagnen des Handwerks. Die Handwerkskammer für Unterfranken setzt zudem auf die passgenaue Ansprache verschiedener Zielgruppen. Neben der Vielfalt der Berufe stehen bei allen Aktivitäten zudem immer die beruflichen Möglichkeiten, die das Handwerk bietet, im Mittelpunkt. Auch öffentlichkeitswirksame Kampagnen auf regionaler und überregionaler Ebene werben für die Ausbildung im Handwerk.

Banner 2 Topmobile