Nur schlecht drauf oder schon eine Depression? Symbolfoto: Pascal Höfig
Nur schlecht drauf oder schon eine Depression? Symbolfoto: Pascal Höfig

Gastbeitrag: Depression… die neue Volkskrankheit

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag.

Vor einigen Jahren hörte man noch oft BURNOUT… inzwischen ist eines der meist gehörten Krankheitsbilder wohl das der depressiven Erkrankung. Aber was ist eine Depression, wie kann mich diese „lebensausbremsende“ Erkrankung einfangen, oder kann mir so etwas nicht passieren? Es kann JEDEM passieren… ohne Ausnahme – leider.

Vor dem Abgrund stehen

Was in den Augen der einen nur eine „Phase“ ist, ist für die anderen eine Katastrophe, welche „normale“ Menschen oft gar nicht nachvollziehen oder verstehen können. Es gibt auch genügend Leute die abwinken und „ach ist doch gar nicht so schlimm“ sagen… oder noch Schlimmeres unterstellen wie „ach der/die will doch nur nichts machen“. Fakt ist aber: für die Betroffenen ist es wie das Stehen vor einem Abgrund, und man hat das Gefühl, dass es niemanden im Umfeld interessiert. Die Verzweiflung steigt und steigt, bis hin zur Resignation. Nun hat das aber oft nichts mit dem Desinteresse der anderen zu tun, sondern es liegt auch oft daran, dass die Betroffenen – um nicht (gefühlt) noch mehr ausgegrenzt zu werden – nach außen nur noch eine Show zeigen und leben.

Andere können es daher oft nicht sehen oder merken, da sie ja nur mitbekommen, was man ihnen zeigt bzw. man sie nichts sehen lassen möchte, was einen selbst „schwach“ erscheinen lassen könnte. Ich bin ein Betroffener und in meinem Umfeld gab es das ein oder andere erstaunte Augenpaar, als sie von meiner Lage erfahren haben. Es gab auch einige die sagten: „das habe ich mir schon gedacht“ …. aber das war eher eine sehr kleine Minderheit. Nach außen immer lächeln und Witze und lustige Sprüche machen – Hauptsache es merkt niemand, wie es einem wirklich geht.

„Da sind ja nur Verrückte“

Wir verstecken uns, wir wollen nicht anders sein, wir wollen funktionieren und nicht schlechter sein als „Normalos“, und setzen uns damit aber derart selbst unter Druck, dass jeder kleine Rückschlag viel gravierender einschlägt. Wo der Gesunde die Schulter zuckt und sich denkt… „Pech, ok nächster Versuch!“ kommt beim Depressiven aus einer dunklen Ecke im Hinterkopf die Stimme: „siehste, hab ich Dir doch gleich gesagt; Versager! Nichts kannst Du“. NATÜRLICH ist das Unsinn so zu denken… aber einem Depressiven diese Gedanken ausreden zu wollen ist vermutlich so sinnvoll, wie mit einem Blinden über Farben diskutieren zu wollen oder ähnlich aussichtslose Vorhaben.

Ich wohne in Schweinfurt, und als Schweinfurter ist wohl fast jedem Werneck ein Begriff (Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin), ebenso wie die meisten sich wohl schon gedacht haben „Werneck… ach da brauch ich nie hin, was soll ich da… da sind ja nur Verrückte!“ … und diese Gedanken sind mit der Grund, warum manch einer vielleicht keine Hilfe annehmen will oder kann. Depressive sind nicht schlechter als andere Menschen, sie sind auch nicht verrückt… sie sind nur in einer Phase, in die sie aus irgendwelchen Gründen rein gestolpert sind, woran oft viele verschiedene Faktoren Schuld sind.

Das können Jobverlust sein, der Verlust eines geliebten Menschen, ständige Beziehungskrisen, Mobbing, oder auch unbewusst in der Kindheit gemachte Erfahrungen, welche vielleicht nie richtig verarbeitet wurden. Das ist nur ein kleiner Teil der möglichen Auslöser… was aber viele gar nicht wissen ist, es können auch genetische Faktoren mit in Richtung Depression steuern.

Hilfe annehmen!

So ist zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken, wohl von Grund aus um 10-15 Prozent höher, wenn eines der Elternteile mal an einer Depression erkrankt ist oder war. Natürlich muss das keine Depression auslösen, aber es kann die Anfälligkeit für eine depressive Erkrankung erhöhen. Neurotransmitter sind mit verantwortlich dafür, im Gehirn Informationen über Synapsen auszutauschen, was Einfluss auf unser allgemeines Leben, unsere Gedanken, unsere Gefühle hat… oft kann man sozusagen für seine eigenen Gedanken herzlich wenig. Wenn man es einfach gewohnt ist, dass keine „positiven“ Gedanken rüber kommen, ist es schwer – wenn nicht unmöglich – glücklich und unbelastet zu sein.

Meine lieben „Mitdepressiven“, Ihr seid nicht schlecht, Ihr seid keine Aussätzigen… Ihr seid Menschen wie alle anderen auch. Hört auf zu denken, es wäre alles Eure Schuld und ganz wichtig… auch wenn es schwer fällt: BITTE NEHMT HILFE AN! Sucht sie sogar. Wenn sie Euch angeboten wird, tut nicht entsetzt so „was.. ich? Ach was… es ist alles ok, wirklich!“ Ihr könnt vielleicht für eine Weile die anderen belügen, aber nicht Euch selbst! Ich habe über Jahre gedacht, ich schaff alles alleine, möchte niemanden mit meinen Problemen belästigen, andere schaffen das ja auch. Aber das ist Unsinn.

Deutliches JA zum Leben

Das wurde mir endgültig in dem Moment klar, als ich mal wieder überlegt habe, allem ein Ende zu setzen! Das war der Moment, an dem ich zu meinem Hausarzt bin und ihn gebeten habe, mir einen Platz in Werneck zu besorgen, denn ich WILL leben, ich WILL das Leben auch genießen können, wie viele andere auch! 3 Tage später bin ich dann mit einer großen Reisetasche dort aufgeschlagen. JA, ich hatte Angst vor Werneck – vor dem Unbekannten, was auf mich wartete. Aber es hat mir immer wieder geholfen, zu sehen, dass sehr viele Menschen das gleiche oder ein ähnliches Problem haben wie ich selbst. Dieses Gefühl, nicht alleine zu sein war sehr befreiend.

Man muss sich da nicht verstellen, man kann sein, wie man ist, denn der andere versteht einen, kennt das Problem, lacht einen nicht aus oder winkt nur ab… das klingt unglaubwürdig aber für mich war mein Werneck Aufenthalt wie Urlaub. Natürlich ist es kein Hotel, das will ich niemandem erzählen… aber man lässt die Sorgen, die einen daheim ständig verfolgen ein kleines Stück zurück, lernt viele neue und meistens nette Menschen kennen und fühlt sich – wenn man nach einer Weile gelernt hat, sich etwas zu öffnen.. zum ersten mal seit langem wieder „wohl“ und entspannt. Natürlich sind Probleme noch da, wenn man wieder nach Hause kommt – aber man hat die Chance zu lernen, besser damit umzugehen, sie zu beseitigen oder zu verarbeiten, und hey… eine Chance ist besser als nichts oder?

Mehr Frauen als Männer

Selbstverständlich gibt es Menschen, die Probleme haben, sich einzuleben, sich ein Stück auch einzuordnen. Der Mehrheit tut der Aufenthalt dort gut. Ihr findet aber nicht heraus, zu welcher Gruppe Ihr gehört, wenn Ihr es nicht wenigstens versucht… gebt nicht auf, das Leben ist zu wertvoll bzw. auch wenn Ihr das im Moment vielleicht nicht denkt bzw. es bei Euch gerade nicht gut läuft – Ihr könnt es besser machen, wenn Ihr Euch traut. Mir ist auch aufgefallen, dass wohl mehr Frauen als Männer sich psychologische Hilfe suchen und nach zahlreichen Gesprächen mit anderen Erkrankten, sowie auch einzelnen Psychiatern oder Psychotherapeuten liegt es wohl mit daran, dass Frauen nicht so „dumm stolz“ sind, wie wir Männer und eher Hilfe annehmen können.

Viele Männer versuchen vermutlich auch Ihre Probleme im Alkohol zu ertränken – das klappt aber nicht… setzt Euch doch mal in ein kleines Ruderboot und schüttet immer mal wieder einen Eimer Wasser rein – irgendwann ist das Boot voll und es geht abwärts! Mit offenen Augen dem Untergang entgegen zu steuern, ist nicht besonders schlau und was einen dahin bringt, ist falscher Stolz – meine persönliche Meinung!

Kein Zeichen von Schwäche

Ich könnte noch ewig so weiterschreiben… aber ich bin kein Arzt und nicht der Richtige um zu helfen, ich möchte einfach nur, dass Ihr wisst, es ist nichts Falsches daran, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist kein Zeichen von Schwäche – ich würde sogar behaupten, es ist ein Zeichen von Stärke, es sich einzugestehen und den Schritt zu gehen, um etwas aus seinem Leben zu machen, etwas zu ändern. Wenn Ihr in dieser Situation seid, redet mit Eurem Hausarzt… seid offen und ehrlich – auch zu Euch selbst.

Ich war in Werneck und ich kann inzwischen darüber reden. Es geht mir deutlich besser als damals. Im Anschluss daran besuchte ich mehrfach die psychiatrischen Tagesklinik in Schweinfurt. Inzwischen bin ich bei einem Psychiater in Behandlung und nehme auch durch umfangreichen und intensiven Gespräche mit einer Psychotherapeutin jede Hilfe an. Das ist keine Schande… das ist Teil des Lebens – es kann nicht immer die Sonne scheinen! Aber es liegt an Euch, ob Ihr in der Dunkelheit bleiben wollt.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@swity.de.

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