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Die Spitalstraße in Schweinfurt. Foto: Dirk Flieger
Die Spitalstraße in Schweinfurt. Foto: Dirk Flieger

Reportage: Verödung der Innenstadt – ist die Stadtgalerie Schuld?

„Verödete Innenstadt – 10 Jahre Stadtgalerie Schweinfurt“ – so lautet der Titel der Bayern 2 Reportage vom 3. Juni. Anlässlich des 10. Geburtstages der ECE – Stadtgalerie blicken die Reporter zurück auf das Jahr 2009, als die große Befürchtung in Schweinfurt aufkam, die Stadtgalerie könnte die Innenstadt zerstören. Ein Blick in die Gegenwart scheint die Zweifler zu bestätigen: die Zahl der Leerstände in der Innenstadt heute ist erschreckend hoch. Hintergrundinformationen und alle wichtigen Statements von Gegnern, Befürwortern und Experten noch einmal im Überblick:

Stadtgalerie in harter Kritik

Von Anfang an stand der Bau des Schweinfurter Einkaufszentrums Stadtgalerie in der Kritik. Vor allem die innenstädtischen Ladenbesitzer zeigten Widerstand. Ihre Sorge: der Einkaufsriese aus Hamburg könnte zu einem Abzug der Kundschaft und so zur Verödung der Innenstadt führen. Sogar ein Bürgerentscheid wurde erwirkt – die zu geringe Wahlbeteiligung der Schweinfurter sorgte jedoch für das Scheitern. Der Fall ging weiter vor den Stadtrat. Mit nur knappen drei Stimmen mehr wurde dem Bau letztendlich zugestimmt.

Oberbürgermeisterin: „Einkaufsmagnet für die Stadt“

War diese Entscheidung rückblickend ein Fehler? Ist wirklich die ECE Schuld an dem Leerstandsdilemma? Bürgermeisterin Gudrun Grieser war sich zumindest beim ersten Spatenstich des Gegenteils sicher. Damals sagte sie gegenüber dem BR: „Ich erhoffe mir, dass die oberzentrale Funktion der Stadt Schweinfurt durch diese Galerie enorm gestärkt wird.“ Schweinfurt erhalte durch den Bau der ECE einen großen Impuls als Einkaufsstadt und einen Magneten, der in die ganze Region ausstrahle. Potenzielle Kunden würden nun sogar aus Erfurt und Fulda nach Schweinfurt kommen. Von diesem Magneteffekt könnten dann auch die Einzelhändler in der Innenstadt profitieren.

Vor allem der Stadtgalerie Schweinfurt wird Schuld an dem Leerstandsdilemma gegeben. Foto: Dominik Ziegler

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Handelskreisvorsitzender: „Entscheider hinters Licht geführt“

Schuhhändler und Kreisvorsitzender des Handelsverbands Bayern, Axel Schöll, hält das für eine Lüge: „Wer das geglaubt hat – Entschuldigung – muss einfach nur dumm gewesen sein. Mit vielen falschen Gutachten und viel „Bla Bla“ wurden die Entscheider in der ganzen Sache hinters Licht geführt. Viele wurden geblendet mit Kaffeefahrten nach Augsburg, um sich die City Galerie dort anzuschauen“, wirft der Schweinfurter den Verantwortlichen im Interview mit dem BR vor.

Nach zehn Jahren kann Axel Schöll nun sagen, dass sich die Sorgen der Einzelhändler größtenteils bewahrheitet haben. Schon bei der Eröffnung im Februar der Stadtgalerie hätten die Straßen der Innenstadt wie leergefegt gewirkt, das Einkaufszentrum dagegen zählte rund 155tausend Besucher in den ersten drei Tagen. „Vieles ist so eingetreten, wie wir es damals vorausgesehen haben: Frequenzverluste, Leerstände bis in die 1a-Lagen – vor zehn Jahren hätte sich niemand vorstellen können, dass man in der Spitalstraße dauerhaft vier Läden leer stehen hat“, zitiert der BR. Insgesamt verzeichnet die Schweinfurter Innenstadt nach Angaben der Stadt derzeit 70 – 80 Leerstände.

Spitalstraße in Schweinfurt. Foto: Pascal Höfig

Selbst die Spitalstraße in Schweinfurt ist von Leerständen betroffen. Foto: Pascal Höfig

Oberbürgermeister: neue Kunden in Innenstadt

Doch was sagen die Hauptverantwortlichen der Stadt zu all dem? Oberbürgermeister Sebastian Remelé sieht in der Stadtgalerie nur Vorteile: „Wenn eine große Einkaufsgalerie mit dutzenden Geschäften aufmacht, ist das natürlich erstmal eine Konkurrenzsituation. Dies ist nicht zu bestreiten, jedoch wissen wir auf der einen Seite, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Auf der anderen Seite zieht die Stadtgalerie Kunden nach Schweinfurt, die ohne das Einkaufszentrum nicht nach Schweinfurt gekommen wären und von denen wir wissen, dass sie zum Teil auch in die Innenstadt gehen“, äußert sich der Bürgermeister gegenüber dem BR. Außerdem seien mehr als 700 Arbeitsplätze durch die ECE geschaffen worden.

Stadt zur Leerstandsproblematik

City Manager Thomas Herrmann ist überzeugt, dass einer der großen Konkurrenten der Innenstadt neben der Stadtgalerie das Internet sei. Die Einzelhändler müssten darauf mit ihren Läden reagieren: „Sie müssen den Einzelhandel den Kunden wieder schmackhaft machen“. Der Handel müsse sich wieder auf seine Kernwerte besinnen: Was kann er leisten, was das Internet eben nicht leisten kann? Das seien vor allem Service und Beratung.

Mehr Begrünung und Sitzgelegenheiten nötig

Diesem Punkt stimmt auch Rolf Monheim, Experte für angewandte Stadtgeographie, zu: die Funktion der Innenstädte habe sich in den letzten Jahren stark geändert. „Die Menschen wollen etwas erleben und die Stadt genießen. Die Käufer sind ihrer Stadt als Versorgungsstandort nicht mehr treu. Stattdessen wollen Kunden etwas erleben und fahren dahin wo etwas los ist: in Großstädte wie Nürnberg oder München.“

Sein Appell deshalb: Die Einzelhändler sollten mit den Kommunen zusammenarbeiten und für mehr Begrünung und Sitzgelegenheiten in der Innstadt sorgen. Außerdem lebe der Handel vom so genannten „Shared Business“. „Das heißt, dass der Kunde, der in den einen Laden geht, dann auch in den anderen Laden geht, weil er spontan etwas interessantes sieht. Dies haben die Händler leider oft nicht auf den Schirm, obwohl es sehr wichtig für die Innenstadtbelebung ist“. Parkplätze vor dem Laden seien deshalb sogar schädlich für den gesamten Standort. Denn je länger die Besucher in der Stadt unterwegs seien, an desto mehr Läden kämen sie vorbei.

Leerstand in der Schweinfurter Innenstadt. Foto: Dirk Flieger

70 – 80 Leerstände gibt es derzeit in Schweinfurt. Foto: Dirk Flieger

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Zukünftige Pläne der Stadt

Doch was möchte die Stadt nun gegen die Leerstandproblematik unternehmen? Wirtschaftsreferentin Pia Jost erklärt in der Reportage, dass in Zukunft vor allem auf Gründershops gesetzt werde. Gegenüber dem BR erklärt sie das Konzept folgendermaßen: „Der Gründershop ist die Idee, jungen Menschen und Gründern, die sich im Einzelhandel selbstständig machen wollen, einen ersten Start und einen ersten Test ihres Angebots zu ermöglichen. Zu einer reduzierten Miete und dann auch zu mehreren Gründern in einem Laden“.

Idee Gründerkaufhaus

Die Idee sehe vor, dass die Stadt Leerstände in attraktiver Lage anmietet und dann zwei bis drei Gründern die Möglichkeit gibt, darin ihr Angebot zu testen – mit kürzerer Laufzeit und niedrigem Risiko. Gehe das Konzept der Gründer auf, könnten sie in reguläre Geschäfte umziehen, wenn nicht, sei ein risikoarmes Einstampfen möglich. Auch Showrooms für die Industrie sollen Gäste in die Innenstadt locken.

Appell des City Managers

Zu guter Letzt richtet sich der City Manager in der Reportage mit einem Appell an die Kunden selbst: „Ob die Innenstadt verödet oder nicht, haben allein die Menschen mit ihrer Marktmacht in der Hand“. Angebot und Nachfrage regelten den Markt, wenn es also keine Nachfrage für die viel kritisierten Bäckershops und Handyläden gebe, würden die Geschäfte auch nicht funktionieren. Man müsse den Kunden mal vor Augen halten: „Was will er eigentlich? Eine funktionierende Innenstadt mit möglichst großer Sortimentsvielfalt? Dann muss er eben dort auch einkaufen gehen“.

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